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Was ist Nachhaltigkeit?

2020-04-25 – 9 min read

Der Begriff "Nachhaltigkeit" hat vielzählige Bedeutungen in der heutigen Gesellschaften und muss daher eingehend analysiert und definiert werden. Der Ursprung dieses Begriffes ist auf mehrere Quellen zurückzuführen. Zunächst einmal ist die Bezeichnung von Nachhaltigkeit im Sinne von zukunftsorientiertem wirtschaften aus der Entwaldung Europas im 18. Jahrhundert hervorgegangen (vgl. Terlau; 2018: 64). Holz war ein wichtiger Rohstoff, was eine Übernutzung der Wälder und somit auch eine Knappheit des Rohstoffs mit sich zog (vgl. ebd.). Die Übernutzung begründete sich in einer auf Kurzfristig-keit angesetzten Planung und Bewirtschaftung. Aufgrund dessen forderte Hans Carl von Car-lowitz, der damalige Leiter des Oberbergamtes in Sachsen „eine sothane Conservation und Anbau des Holzes anzustellen, so dass es eine continuierliche, beständige und nachhaltende [langfristige] Nutzung gebe“ (von Carlowitz; 1713: 76, 150). In die heutige Sprache übertra-gen zielt dies darauf ab, nicht mehr Bäume zu fällen, als im gleichen Zeitraum nachwachsen können (vgl. Vieweg; 2017: 23). Hieraus folgt, dass nicht der ökologische Erhalt der Wälder um der Wälder Willen, sondern ökonomische Bedürfnisse diese Form einer verantwortungs-vollen Wirtschaft begründeten (vgl. Terlau; 2018: 65). Dieser Ursprung zeigt ebenfalls, dass es bei dem Begriff Nachhaltigkeit grundsätzlich um das Phänomen Zeit und die verfügbaren Zeiträume geht (vgl. Jackson; 2011: 202). Die zentralen Fragen lauten: wieviel Zeit braucht die Natur, um sich zu regenerieren und Ressourcenverbrach und Belastungen durch Emissionen auszugleichen (vgl. Vieweg; 2017: 24).

Internationale Bedeutung von Nachhaltigkeit

Internationale Bedeutung erlangte der Begriff Nachhaltigkeit durch die Modifizierung von Car-lowitz‘ Begriff der „nachhaltenden Nutzung“ (von Carlowitz; 1713: 76, 150) hin zu der Begriffsgruppe „nachhaltig, Nachhaltigkeit, nachhaltige Entwicklung“ (vgl. Terlau; 2018: 65). Diese Entwicklung wurde maßgeblich durch eine Reihe von Berichten und internationalen Konferenzen geprägt (vgl. ebd.). Dazu gehören der Bericht „The Limits to Growth“ des Club of Rome (vgl. Meadows et al.; 1972) oder der Brundtland-Report für die UN World Commis-sion on Environment and Development (vgl. UN; 1987), aus welchem eine der prominentesten Definitionen von Nachhaltigkeit hervorging. Eine Entwicklung gilt laut des Berichts als nach-haltig, wenn sie „die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ (Hauff, 1987: 46). Wichtig waren ebenso der sogenannte Rio-Gipfel 1992 (UN Conference on Environment and Development), ebenso wie die folgenden Konferenzen Rio+5 in New York (1997), Rio+10 in Johannesburg (2002) und Rio+20 wieder in Rio de Janeiro (2012) bis hin zu der Verabschie-dung der Agenda 2030, oder auch „Sustainable Development Goals“ genannt (vgl. UN; 2020b: 1) und dem Pariser Klimaschutzabkommen 2015 (Clement et al.; 2014: 309). Nachhaltigkeit wurde im Laufe der Zeit im Rahmen eines Leitbildes für Nachhaltige Entwick-lung weiterentwickelt und schließt das verantwortungsvolle Wirtschaften, sowie ökologisch motivierte Gedanken ein (vgl. Terlau; 2018: 66). Aufgrund der Komplexität des Begriffs Nachhaltige Entwicklung ist ein ganzheitlichen Ansatz essentiell (vgl. Helming 2016; UNSSC 2018). Die zentralen Aspekte sind unter anderem:

  • Die Integration der drei Säulen von Ökonomie, Ökologie und Sozialem (vgl. UN; 1987; Enquete Kommission; 1998)
  • Die Berücksichtigung politischer, technologischer und sozio-kultureller Dimensionen (vgl. Clement et al.; 2017: 309)
  • Eine Generationen-übergreifende Gerechtigkeit, dies meint einen Ausgleich der Gene-rationen und im Sinne von von Carlowitz eine langfristig tragfähige Entwicklung (vgl. UN 1987)

Kritik an dem Begriff Nachhaltigkeit

Seit dem Rio Gipfel 1992 hat sich der Begriff der Nachhaltigkeit weltweit etabliert und wird seither regelrecht inflationär gebraucht (vgl. Vieweg; 2017: 22). Der Begriff wird als sehr schwammig wahrgenommen, weshalb sich je nach wissenschaftli-cher Forschungsausrichtung, dem politischen Nutzen oder den wirtschaftlichen Interessen un-terschiedliche Definitionen herausgebildet haben (vgl. ebd.).

Im Kontext dieser Thesis wird Nachhaltigkeit als ein unternehmerisches Leitbild das aus ge-sellschaftspolitischen Entwicklungen hervorging, definiert. Dafür ist es zunächst wichtig die unterschiedlichen Dimensionen von Nachhaltigkeit zu erläutern.

Modelle der Dimensionen von Nachhaltigkeit

Eine konsensfähige Betrachtung des Begriffs Nachhaltigkeit weist drei Dimensionen des Ter-minus auf (vgl. Piekenbrock et al.; 2014: 394). Diese drei Dimensionen lauten: die Ökologie, also der Umweltschutz; die Ökonomie, womit Wirtschaft gemein ist; sowie das Soziale, was gemeingültig als generationsübergreifende Gerechtigkeit und Gleichberechtigung angesehen wird (vgl. ebd.). In diesem Kontext wird häufig das Drei-Säulen-Modell genannt (vgl. Vieweg; 2017: 24), wel-ches Nachhaltigkeit als Dach der drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales darstellt (siehe Abb. 2). Die exakte Herkunft des Modells ist unklar, allerdings werden im Bericht der WCED bereits die drei Dimensionen genannt (vgl. Vieweg; 2017:

++++++++++Bild: 3 Dimensionen von Nachhaltigkeit+++++++++++

Abb. 2: „Drei-Säulen-Modell“; Quelle: eigene Darstellung

Die drei Säulen sind gleichrangig und stellen ein ausbalanciertes Zukunftskonzept dar, dass auf einer synergetischen Wechselwirkung basiert (vgl. Vieweg; 2017: 25). Dieses Modell unterliegt starker Kritik, es wird beispielsweise in Gutachten des Sachverstän-digenrats für Umweltfragen (SRU) 2002 (vgl. SRU; 2002: 67) und 2008 (vgl. SRU; 2008: 56, 62) kritisiert, dass dieses Modell die politische Rhetorik verunklart und eine missbräuchliche Umsetzung der Nachhaltigkeit insofern fördert, als dass die Ökologie über den beiden übrigen Dimensionen stehen soll (vgl. Vieweg; 2017: 25). Dem Modell werden manchmal weitere Säulen hinzugefügt, die zum Beispiel die Kategorien Wissen, Bildung, Demokratie oder Institutionen umfassen (vgl. ebd.). Daher ist ein weiterer Aspekt der Kritik an diesem Modell die Frage, welche Dimensionen notwendig sind um die dieser Darstellung angedachte Wirkung zu erreichen (vgl. ebd.). Trotz aller Kritik ist dieses Modell ein beständiger Teil des Diskurses um den Begriff Nachhaltigkeit (vgl. ebd.: 26).

Ein weiteres Modell der drei Dimensionen von Nachhaltigkeit ist die Darstellung der Dimensi-onen als klassisches Venn-Diagramm (vgl. ebd.). In diesem Fall werden Ökologie, Ökonomie und Soziales als gleichgroße Kreisflächen dargestellt (siehe Abb. 3), wobei Ökonomie zumeist an die Spitze der Grafik gesetzt wird (vgl. Vieweg; 2017: 26).

+++++++Abbildung Venn Diagramm++++++++++

Abb. 3 „Venn-Diagramm der Nachhaltigkeitsdimensionen“; Quelle: eigene Darstellung

Das Venn-Diagramm zielt darauf ab, die einzelnen Interdependenzen die zwischen den drei Dimensionen stattfinden aufzuzeigen, ein besonderer Fokus liegt auf den möglichen Bedeu-tungen der sich überschneidenden Bereiche (vgl. ebd.). In Abb. 4 ist zu sehen, wie die Schnitt-bereiche definiert werden (vgl. ebd.).

Auch dieses Modell unterliegt Kritik, besonders die Darstellung der Gleichwertigkeit der drei Nachhaltigkeits-Dimensionen wird kritisch angesehen, da ohne die Ökologie als Basis des Modells die beiden anderen Faktoren nicht möglich ist (vgl. Meyer-Abrich; 2001: 301). Aus dieser Kritik heraus entstand das Gestapelte Venn-Diagramm (vgl. Vieweg; 2017: 26), in wel-chem gezeigt wird, dass die Ökologie die Basis des Modells darstellt (siehe Abb. 5). Da durch Ökologie eine intakte Gesellschaft ermöglicht werden soll, wird das Soziale auf die Ökologie gestapelt und die von Menschen gemachte Ökonomie wiederrum auf das Soziale (vgl. Roch-litz; 2001: 222).

BILD TRIANGLE UND GESTAPELTES VENN DIAGRAMM

Das „Nachhaltigkeits-Dreieck“ ist eine weitere Darstellung der drei Dimensionen von Nach-haltigkeit (siehe Abb. 5). Dieses Modell zeigt die Relationen der einzelnen Dimensionen zu einander, wie zum Beispiel die Verbindung von Wirtschaft und Sozialem, was eine soziale Marktwirtschaft ergibt (vgl. Vieweg; 2017: 27). Die Verbindung von Ökonomie und Ökologie wird unterschiedlich definiert, weitgehend aber dem Artikel 20a des Grundgesetzes unterge-ordnet (vgl. ebd.). Dieser Artikel beschreibt die Verantwortung des Staates die natürliche Umwelt für zukünftige Generationen zu schützen und den gesetzlichen Rahmen für die Zu-sammenarbeit von Wirtschaft und Ökologie zu schaffen (vgl. Vieweg; 2017: 28).

Wie auch der Definition des Begriffs Nachhaltigkeit wird auch diesem Modell vorgeworfen zu diffus zu sein und somit zu viel Spielraum für Interpretationen zuzulassen (vgl. Vieweg; 2017: 29). Aus diesem Grund wurde das einfache Dreieck zu einem in sich strukturierten Dreieck weiter-entwickelt, welches zudem die Flächenbereiche des Dreiecks definiert (vgl. ebd.). Dieses Mo-dell wurde von von Hauff ausgebaut und als das „Integrierende Nachhaltigkeits-Dreieck“ be-zeichnet (von Hauff; 2005: 14, 23). Nach von Hauffs Definition steht das Soziale an oberer Spitze (vgl. ebd.).

BILD SEGMENTIERTE PYRAMIDE DER NACHHALTIGKEIT

Abb. 6 „Das Integrierende Nachhaltigkeits-Dreieck“; Quelle: eigene Darstellung

Diese unterschiedlichen Darstellungen der drei Dimensionen von Nachhaltigkeit zeigen die unterschiedlichen Diskursschwerpunkte um die Definition von Nachhaltigkeit. Sie unterliegen alle einer ständigen Analyse, ein weiterer gemeinsamer Kritikpunkt ist die fehlende Darstellung der zeitlichen Komponente und der Hinweis auf eine globale Ausrichtung (vgl. Vieweg; 2017: 29).


Literatur:

  1. VON CARLOWITZ, H. C. (1713): Sylvicultura Oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht. Braun J F, Leipzig; S. 76, 150
  2. GLOBAL REPORTING INITIATIVE (2020): Information about GRI; Zugriff am: 18. 03. 2020. URL: www.globalreporting.org/information/about-gri; S. 1
  3. HAUFF, V. (Hrsg.) (1987): Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Eggenkamp, Greven 1987
  4. HAUFF, M. v.; Kleine, A. (2005): Das Integrierende Nachhaltigkeits-Dreieck. Methodischer Ansatz zur Systematisierung von Handlungsfeldern und In-dikatoren einer Nachhaltigkeitsstrategie. Volkswirtschaftliche Diskussions-beiträge 19-05. Technische Universität Kaiserslautern; Zugriff am: 18. 03. 2020. URL: https://kluedo.ub.uni-kl.de/frontdoor/index/index/docId/1597; S. 14, 23
  5. SUSTAINABLE DEVELOPMENT GOALS COMPASS (2020): SDG Com-pass; Zugriff am: 10. 03. 2020. URL: sdgcompass.org; S. 1
  6. SALZMANN, O.; IONESCU-SOMERS, A.; STEGER, U. (2005): The business case for corporate sustainability: Literature review and research options. Eu-ropean Management Journal, 23, S. 27–36
  7. TERLAU, W. (2018): Verantwortungsvolles Wirtschaften für eine nachhaltige Entwicklung, in: Nachhaltiges Wirtschaften im digitalen Zeitalter, Innovati-on – Steuerung – Compliance; GADATSCH, Andreas; IHNE, Hartmut; MONHEMIUS, Jürgen; SCHREIBER, Dirk (Hrsg.); Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, S. 63-72
  8. UNITED NATIONS (2015a): Transforming our World: the 2030 agenda for sus-tainable development. Resolution adopted by the General Assembly on 25 September 2015. A/RES/70/1; Zugriff am: 06. 03. 2020. URL: un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/RES/70/1
  9. UNITED NATIONS (2015b): Paris Agreement; Zugriff am: 06. 03. 2020. URL: https://unfccc.int/sites/default/files/english_paris_agreement.pdf
  10. UNITED NATIONS (1987): Our common future. The World Commission on Environment and Development (Brundtland Bericht); Zugriff am: 05. 03. 2020. URL: un-documents.net/ocf-02.htm#I.
  11. UNITED NATIONS (2020a): UN Global Compact; Zugriff am: 06. 03. 2020. URL: unglobalcompact.org; S. 1
  12. UNITED NATIONS (2020b): UN Global Compact; Zugriff am: 06. 03. 2020. URL: unglobalcompact.org/what-is-gc/mission; S. 1
  13. UNITED NATIONS (2020c): Sustainable Development Goals; Zugriff am: 06. 03. 2020. URL: un.org/sustainabledevelopment/sustainable-development-goals; S. 1